de In der Stadt Wurzeln schlagen: Urban Gardening

Updated on April 14, 2019 | April 12, 2019 | 68 Views all
2 on April 12, 2019

Früher galt der Laubenpieper mit seinem Schrebergarten als Inbegriff der Spießigkeit. Diese Zeiten sind vorbei: In den Städten dieser Welt wird an allen möglichen und unmöglichen Orten gepflanzt und geerntet. Allein oder in der Gruppe. Auf städtischen Brachen oder Grünstreifen, auf privaten Dächern. Ob Blumen oder Nutzpflanzen – mit jedem Beet wird wieder ein Stück Natur in die Stadt geholt. Urban Gardening liegt im Trend.


(Photo: The Home Garden in Sydney, Australia)

Der Boom der Gärten im Stadtgebiet ist nicht mehr zu übersehen. Die Stiftung Interkultur z. B. betreibt interkulturelle Gärten, in denen Deutsche und Menschen von anderswo zusammen Zucchini säen und Erbsen ernten. 2003 waren es fünf Projekte, 2012 sind daraus mehr als 100 geworden – Tendenz weiter steigend.

Die Motive, die hinter Urban Gardening stehen, sind dabei vielfältig: Mal geht es um ökologische Aspekte wie die nachhaltige Bewirtschaftung der gärtnerischen Kulturen, die umweltschonende Produktion und den bewussten Konsum landwirtschaftlicher Erzeugnisse, mal geht es um dringende gesellschaftliche Anliegen wie Armutsbekämpfung, Flucht aus ländlichen Bürgerkriegsregionen in sichere Städte oder die Befriedung von Ganglands.

(SANAA House & Garden by Jenna Rowe)

Die Vorteile von Urban Gardening liegen auf der Hand:

– Lokale Nahrungsmittelherstellung bei gleichzeitigem ortsnahen Konsum verkürzt Transportwege und schont so die Umwelt.
– Der Einsatz von Gewächshäusern in Verbindung mit smarter Technologie optimiert die Erträge auf begrenzten Anbauflächen und spart Energie.
– Urban Gardening ermöglicht die Verbindung von Landwirtschaft und städtischer Lebensweise, indem lokal natürliche Stoffkreisläufe durch Recycling von kompostierbaren Abfällen und Abwässern ermöglicht werden.
– Das steigende Interesse an lokaler Nahrungsmittelproduktion fügt sich ein in eine größere soziale Bewegung, die sich der Bewahrung des Wissens, der Aufwertung und dem Erhalt von lokalen Spezialitäten angenommen hat.
– Urban Gardening hilft Engpässe in der Versorgung städtischen Raums mit Lebensmitteln zu überbrücken.
– Die Gärten sind Orte, an denen gesunde Lebensmittel angebaut werden und Natur wieder erfahrbar gemacht wird. Sie sind Experimentierfelder für Zukunftsthemen, können interkulturelle Begegnungen fördern und sinnvolle Beschäftigung in der Postwachstumsgesellschaft ermöglichen.

Neu ist die Idee von Gärten und landwirtschaftlich genutzten Flächen in Städten nicht: In der Antike und Mittelalter waren eigene Gärten um die Häuser ein fester Bestandteil des Stadtbilds. Auch Klein- bzw. Schrebergärten an den Stadträndern und in Kleingartenkolonien gibt es schon seit dem 19. Jahrhundert. Die typische Arbeitersiedlung hatte einen eigenen Garten – inklusive Tierhaltung.

Die Wurzeln der urbanen Gartenbewegung liegen jedoch ganz woanders: in den New Yorker Gemeinschaftsgärten der 1970er Jahre. Die sogenannten “Community Gardens” waren – und sind es bis heute – grüne Oasen auf innerstädtischen Brachen mit Blumenbeeten und Gemüseanbau zur Selbstversorgung. Community Gardens oder Gemeinschaftsgärten sind kollektiv betriebene Gärten. Die Flächen dieser Gärten sind meist öffentlich zugänglich. Das Konzept ging jedoch weit darüber hinaus: Hier wurden gärtnerische, ernährungspolitische, ökonomische, soziale, künstlerische und stadtgestalterische Fragen miteinander verknüpft und eine nicht-kommerzielle Gegenkultur entwickelt: interkulturelle Gärten, City Farms, Nachbarschaftsgärten, Kinderbauernhöfe, Schulgärten, Guerilla Gardening. Gemeinsames Lernen, die Vermittlung von Wissen und das Schaffen von Bewusstsein sind weitere zentrale Aspekte dieser Gärten.

Interkulturelle Gärten sind Gemeinschaftsgärten, in denen Menschen verschiedener Herkunft Obst und Gemüse anbauen. Sie bieten Bildungsangebote, fördern einen internationalen Austausch, sind therapeutische Stätten und Zufluchtsorte. Vor allem die Stiftung Interkultur ist hier aktiv.

Nachbarschaftsgärten werden von einer Anwohnergemeinschaft betrieben und befinden sich in Höfen, vor oder zwischen den Häusern.

City Farms und Kinderbauernhöfe sind eine Mischform. Hier werden Nutztiere gehalten (Pferde, Schafe, Ziegen, Hühner etc.) und meistens noch ein Garten betrieben. Angesprochen werden damit vor allem Kinder mit Mitmach-Angeboten wie Reiten, Gärtnern und klassischen Hofarbeiten.

Guerilla Gardening ist die subversive Variante der Stadtbegrünung: Als Form des politischen Widerstands sind die Guerilla-Gärtner kreativ und mit geringer Ausstattung unterwegs, um in das Stadtbild einzugreifen.

Die Gärten in den Städten tun jedenfalls Gutes – auf vielen Ebenen. Urbane Landwirtschaft und urbanes Gärtnern bedeuten wertvolle soziale und ökologische Vorteile für die Stadtentwicklung: Aus ökologischer Sicht dienen sie der Verwertung organischer Abfälle, sie reichern die Luft mit Feuchtigkeit an und fangen Regenwasser auf, das sonst ungenutzt in die Kanalisation fließen würde. Große, zusammenhängende grüne Dachflächen können sogar das Stadtklima positiv beeinflussen und extreme Temperaturen ausgleichen. Auch Insekten und andere Stadtbewohner haben etwas von den Gärten, da der Anbau von lokalen Nahrungsmitteln zum Erhalt von Sortenvielfalt und Biodiversität beiträgt. Aus sozialpolitischer Sicht beleben insbesondere gemeinschaftlich genutzte Gärten den öffentlichen Raum und schaffen neue Orte der Begegnung und des Austauschs. Nachbarn lernen sich beim gemeinsamen Buddeln kennen, Menschen verschiedener Kulturkreise tauschen gärtnerisches Wissen und Erfahrungen aus. Im besten Falle wachsen mit den Blumen und Pflanzen die Gemeinschaften, neue Impulse für Kulturen der Teilhabe werden gegeben. Stadtteile gewinnen.

Nicht zuletzt sind städtische Gärten auch Mini-Modelle für die Städte der Zukunft, in denen Nahrungsmittelanbau und Stadtleben wieder stärker miteinander verwoben werden. Urbane Landwirtschaft schont Umwelt und Ressourcen, indem Transportwege für Nahrungsmittel stark verkürzt werden und von Grünflächen aufgebrochene Betonwüsten leisten einen Beitrag zur Verbesserung der Lebens- und Luftqualität. Für eine Zukunft der Gärten und für lebenswerte Städte sollten kultivierbare Flächen jedoch nicht übergangsweise vergeben oder erkämpft werden müssen, sondern fester Bestandteil einer nachhaltigen Stadtentwicklung werden.

Interesse? Weitere Infos und Links:

http://www.urban-gardening.eu/

http://www.eine-andere-welt-ist-pflanzbar.de/index.php?article_id=4&clang=0

https://reclaimthefields.org/

http://gartenpiraten.net/urbane-gaerten/

https://anstiftung.de/urbane-gaerten/gaerten-im-ueberblick

https://welt.de/fileadmin/mediapool/2_Downloads/Themen/Ernaehrung/SING_Ernaehrung_in_der_Stadt.pdf

https://www.youtube.com/watch?time_continue=2&v=7BbnuXMqDzo

#Garten #Stadtentwicklung #Klima #Lebensfreude #Gesundheit

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1 on April 13, 2019

oh.. I can see what Gärten means without translation. it reminds me of kindergarten as well. 

on April 14, 2019

Gärten is the plural of Garten. Never really understood why they didn’t translate “Kindergarten” into an English word. 😂

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